Kalamity* Jane

… ODER: Muss die Ursache des Universums ein persönlicher Schöpfer sein?

Der bekannte christliche Apologet (Glaubensverteidiger) William Lane Craig ist oft Gast an Debatten, die er mit Anders- oder Ungläubigen führt. Immer wieder mal ist das Thema “Die Existenz Gottes”. Er hat 1979 ein gleichnamiges Buch geschrieben
(englische Originalausgabe), das 1989 auf deutsch erschien.
Craig nun ist bekannt für seine Anwendung des “Kalam kosmologischen Arguments” als Grundlage eines Gottes-Beweises. Auch erwähntes Büchlein behandelt jenes Argument:

  1. Für alles, was anfängt zu existieren, muss es eine Ursache geben
  2. Das Universum hat angefangen zu existieren,
    DAHER
  3. muss es für die Existenz des Universums eine Ursache geben

… Craig weist einerseits auf die Belege der Physik hin, die die Realität des Urknalls nahelegen. Er geht davon aus, dass mit dem Urknall der eigentliche, absolute physikalische Beginn des Universums zu verstehen ist. Ich lasse das gerne mal so stehen, obwohl heute Alternativen diskutiert werden (wie das Multiversum oder zyklische Modelle des Werdens und Vergehens des Universums), die es fraglich machen, ob der “Urknall” wirklich der absolute Beginn jeglicher physikalischer Wirklichkeit darstellen muss.
… Andererseits argumentiert Craig, dass es (abgesehen von abstrakten mathematischen Mengen) keine physischen Repräsentationen aktualer Unendlichkeiten geben könne: Es gibt also nichts in unendlich großer Menge. Gäbe es bspw. unendlich viele Bücher, die eine Hälfte mit rotem Buchrücken, die anderen mit grünem Buchrücken, so hätten wir insgesamt gleich viele Bücher, wie wir jeweils separat Bücher der einen und der anderen Buchrücken-Farbe haben. Und das sei unmöglich. Auch damit steht er nicht zwingend auf wackeligem Grund, hat doch bspw. schon der berühmte Mathematiker David Hilbert entschieden gegen die Möglichkeit der Existenz aktualer Unendlichkeiten argumentiert.
Wäre nun das Universum unendlich alt, müssten wir es uns in seiner zeitlichen Abfolge als eine Kette unendlich vieler Ereignisse vorstellen, würde also eine aktuale Unendlichkeit repräsentieren. Da dies unmöglich sei, müsse das Universum einen Anfang gehabt haben.

… Also nehmen wir mal an, das Universum (oder auch Multiversum) hat nicht immer existiert, sondern angefangen zu existieren.
Craig argumentiert, dass es eine Ursache gegeben haben musste, dass das Universum angefangen habe, zu existieren, denn das gelte für alles, was kontingent sei, also für alles, das eben auch nicht existieren könnte. Auch diese Ansicht möchte ich hier mal stehen und gelten lassen (obwohl auch dieses “Prinzip vom zureichenden Grund” von einigen Denkern, wie bspw. Ansgar Beckermann, bezweifelt wird).

… Jetzt wird es endlich interessant: Wir kommen zur Frage, was denn das Universum verursacht haben könnte.
Ab Seite 96 “Kapitel V) Der personale Schöpfer des Universums” argumentiert Craig wie folgt:
Wenn die Ursache für die Entstehung des Universums eine unpersönliche gewesen wäre, hätte diese Ursache schon immer bestehen müssen (um nicht nur ein weiteres Glied in einer unendlichen Kette von Ereignissen darzustellen) und entsprechend hätte das Universum selber als Wirkung jener ewigen Ursache auch schon immer existieren müssen.
“Und wir wissen, dass dies nicht stimmt” (S. 97).
Craig veranschaulicht das mit einer Temperatur unter dem Gefrierpunkt: diese zieht gefrorenes Wasser nach sich. Wenn nun diese Temperatur immer schon unter dem Gefrierpunkt gewesen wäre, wäre das Wasser schon immer gefroren gewesen.
Meines Erachtens unterläuft hier Craig folgender Fehler: Er impliziert, dass unsere Zeitachse eingebettet ist in einen zeitlichen Ablauf, der seit Ewigkeiten “tickt”, also eine absolute Zeit (die es ja nicht gibt!).
Jedoch bestehen vor Beginn des Universums weder Raum noch Zeit in irgendeiner Weise. Ist die Ursache für die Entstehung des Universums da, so ist die Entstehung des Universums (oder Multiversums) direktes, unverzügliches Resultat jener Wirkung (wie in einem Beispiel Kants die schwere Eisenkugel, die im Kissen eine Delle hervorruft).
Dann fängt die Zeit an zu laufen; dieser Zeitpunkt ist der absolute zeitliche Nullpunkt für uns; dieser Zeitpunkt ist nicht ein Ereignispunkt auf einer Zeitachse höherer Ordnung, da es ja keine absolute Zeit gibt!
Mit diesem Argument kann er also nicht für einen persönlichen Schöpfer argumentieren! Auf Seite 103 schreibt er denn auch selber “Vor der Schöpfung sozusagen gab es überhaupt keine Zeit, denn Zeit kann nicht existieren, wenn es keine Veränderung gibt”.
… Ich habe nie mehr gehört, dass Craig in seinen Debatten mit “Ewige Ursache—ewige Wirkung” argumentiert hätte, auch am 29. Oktober 2015 in München, in der Debatte mit dem Philosophen Ansgar Beckermann führte er dies nicht ins Feld, sondern argumentierte wie folgt:

Die Ursache des Universums ist entweder:
a) ein abstrakter Gegenstand (wie bspw. Zahlen)
b) ein persönlicher Schöpfer

… Nun: auch in seinem Büchlein hebt Craig wiederholt hervor, dass Gott nicht seit unendlicher Zeit existiert habe, sondern ohne Schöpfung zeitlos und unveränderlich war (denn sonst würde er die unendliche Ereignis-Reihe erfordern und das sei ja absurd). Der zeitlose, aber angeblich persönliche Gott habe somit auch kein diskursives geistiges Leben geführt.
(S. 101: “Natürlich eignet einem zeitlosen Gott kein diskursives geistiges Leben.”)
Als Person kann Gott aber frei Bedingungen herbeiführen;
S. 97: “Zum Beispiel kann ein Mann, der von Ewigkeit an sitzt, aufstehen wollen.”

Ich frage mich allerdings, wie ein zeitloses “Sein” darin frei sein kann, erschaffen zu wollen, wenn es doch zeitlos und ohne Schöpfung unveränderlich ist! Dazu müsste dieses “Sein” einen Denk-Prozess durchmachen, eine Schöpfung planen, umsetzen zu wollen. Ja, Craig würde darauf wohl antworten, dass dies alles der Fall wäre, sobald die Schöpfung da gewesen sei und Gott in die Zeit habe eintreten können. Mir geht es aber darum, nicht erkennen zu können, wie solch ein “Sein” sich von einer gänzlich unpersönlichen Ursache überhaupt unterscheiden könnte, außer die Theologen hauchten diesem “Sein” Leben ein!
… An der Debatte mit Beckermann sagte Craig, dass die Option a) als Ursache des Universums nicht zutreffen könne, da abstrakte Größen keine Ursache herbeiführen können. Sicher, ich bin grundsätzlich seiner Meinung. Aber was sagen wir zu einer Option c) die Ursache für die Entstehung des Universums ist ein unpersönlicher Werdens-Drang, ein Zwang hin, Komplexes hervorzubringen?

Diese Option hat verschiedene Vorteile:

– wir können uns nicht vorstellen, dass Person außerhalb von Raum und Zeit auch nur theoretisch existieren könnte—auch Craigs zeitloser, unveränderlicher Gott, bevor die Schöpfung ward, scheint mir nicht als “Person” denkbar zu sein. Unsere Option “c)” ist zwar unpersönlich, führt aber zwangsläufig zur Existenz des Multi- bzw. Universums

– anders als der allmächtige(!) Schöpfergott, der angeblich Wasser zu Wein verwandeln oder Fische vermehren kann, aber dennoch eine mangelhafte Schöpfung hervorgebracht hat (siehe Link “Argumenf from poor design”), steht Option “c)” nicht im Konflikt mit der realen, imperfekten Welt

– sie muss uns nicht auf einen dogmatischen Materialismus zurückwerfen

– das Leib-Seele-Problem könnte (möglicherweise) dadurch gelöst werden, dass der unpersönliche Werdens-Drang, der unsere Welt verursacht hat, sich in Raum und Zeit in Lebewesen als Personen manifestiert (hier kommt möglicherweise eine Art “Pantheismus” zum tragen)

– der persönliche Schöpfergott ist vollkommen verborgen, was sowohl theologische Probleme nach sich zieht, aber auch seine objektive Verifizierbarkeit fragwürdig macht

 
… Ja, sicher: all dies ist Spekulation, aber auch nicht spekulativer als die Ideen, die uns einen persönlichen, ewigen Gott plausibel machen wollen.
Immerhin: es gibt wohl mehr als die zwei Optionen, auf die uns William Lane Craig einschränken will.

 


*)  Ja, ja, es heißt natürlich “Calamity” und nicht “Kalamity”, aber dann wäre ja der schöne Effekt dahin gewesen.

 

Literaturhinweis:
William L. Craig, “Die Existenz Gottes und der der Ursprung des Universums”, R. Brockhaus, 1989

Links:
Kalam cosmological argument

Argument from poor design

Debatte Craig-Beckermann vom 29. Okbober 2015 in München: Gibt es Gott?

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4 thoughts on “Kalamity* Jane

  1. Ich finde die Option c) überzeugend (soweit bei dieser extrem abstrakten Frage etwas überzeugend sein kann). Ein persönlicher Schöpfergott überzeugt mich persönlich auch nicht, was für mich aber nicht heißt, dass ein persönlicher Gott undenkbar wäre. Nur kann dieser persönliche Gott m. E. eben nicht der Schöpfer von allem sein.
    Ich bin da vielleicht ein bisschen “verseucht” von kabbalistischen Überlegungen: Da gibt es ja das AIN SOPH AUR, in etwa das “reine Sein in seiner Ununterschiedenheit”, aus dem dann der kabbalistische Schöpfungsblitz emaniert (übrigens ein netter Anklang an den Urknall, wie ich finde). Warum das passiert, wird man wohl nie richtig verstehen, aber mit “Werdens-Drang” und “Zwang komplexes hervorzubringen” ist es ja zumindest mal gut beschrieben.
    Der Emanationspunkt ist dann die erste Sphäre des Lebensbaumes, “Kether” genannt. Kether hat als Symbolbild einen weishaarigen, bärtigen Mann, der im Profil gezeigt wird, d. h. die unsichtbare Gesichtshälfte “steckt” noch im AIN SOPH AUR. Das zeigt schon, dass Kether einen persönlichen Gott darstellt, der aber eben nicht g a n z am Anfang steht, weil es den abstrakten Gott des reinen Seins eben vorher schon gab, wobei man “vorher”, wie Du ja auch geschrieben hast, hier nicht zeitlich verstehen darf.
    Wie ernst man die Kabbala nimmt, muss natürlich jeder selber wissen. Aber die Symbolik finde ich ansprechend und irgenwie stimmig und der Beitrag hat mich ein wenig daran erinnert.
    Aber vielleicht habe ich die Parallelen auch “hineingelesen”?

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    1. danke, Axel: das klingt wirklich sehr gut nachvollziehbar für mich!

      … Als ich meinen Post schrieb, ging ich eigentlich davon aus, dass persönliche Wesen nur in Raum und Zeit überhaupt ein “Sein” haben können. Oder anders gesagt: den persönlichen Gott gibt es nicht. Ich habe diesbezüglich seither meine Meinung aber überdenken müssen, kann doch Gott, wo’s Raum und Zeit gibt, jetzt vielleicht auch in Raum und Zeit sein(?); bin zuerst allmählich zu einer panentheistischen Gottes-Vorstellung übergegangen und frage mich heute, ob nicht sogar eine (mehr oder weniger) klassisch-theistische Gottes-Vorstellung korrekt sein könnte.
      Was Gottes Identität betrifft, stelle ich mir folgende Fragen:
      – Ist Gott eine Entität, die sich ihrer eigenen Existenz bewusst ist; ist er also ganz im Sinne, wie wir uns selber auch erleben, Person? Er wäre dann auch autark Handelnder.
      – Oder ist das Persönliche tatsächlich nur in Wesen, die sich in Raum und Zeit aufhalten (wie wir), manifestierbar und ist Gott zwar vielleicht auch “real”, aber letztlich etwas, was sich aus dem “Gefüge” Raum-Zeit-Mensch ergibt bzw. dieses Gefüge transzendiert—aber abhängig von diesem Gefüge? (Hoffentlich liest sich das nicht zu wirr 😉 ) Ok: selbst wenn Gott “nur” in diesem Sinne “real” wäre, könnte er vielleicht dennoch autark Handelnder sein(?)

      … Es scheint mir aber einigermaßen klar, dass Gott von uns Menschen klar als Person erlebt werden kann (und zwar nicht nur in ekstatisch-religiösem Schwelgen, sondern durchaus auch konkret)—ein paar Hinweise dazu:
      – Habe Mary C. Neals Buch über ihre Near-Death-Experience gelesen. Sie ist Chirurgin, sehr rational denkend, hat aber dennoch Unerhörtes mit dem “handelnden Gott” erlebt; während der NDE und nachher über längere Zeit. (Ich muss ergänzen, dass sie Christin ist.)
      – es scheint vorzukommen, dass tatsächlich Wunder geschehen und eben oft im Kontext, wo Gott um Beistand und Hilfe angerufen wird. Es handelt sich dabei (auch) um physische Manifestationen (zumindest wird es so bezeugt)

      … Das Ganze ist ein immenses Thema, (scheinbar?) undurchdringbar wie ein Urwald.
      Ich mache mir täglich Notizen dazu und versuche, zu einem Weltbild zu gelangen, mit dem ich (einigermaßen) klarkomme, das mir lebbar und stimmig erscheint …

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      1. Ja, Daniel, da gehen mir jetzt einiges durch den Kopf. Ich finde das Thema sehr interessant und wichtig. Vor allem wenn man keinen “kindlichen” Glauben mehr haben kann, weil man (zu) viel nachgedacht hat.
        Gleichzeitig bin ich inzwischen überzeugt, dass es keine Gottesvorstellung gibt, die für unseren Intellekt konsistent und widerspruchsfrei ist. So heißt es wohl aus gutem Grund, wir sollen uns kein Bildnis machen – weil wir es nicht können.
        Gedanken sollte sich aber schon machen und um Ihm da näherzukommen, glaube ich, muss mehr mit “sowohl-als-auch” also mit “entweder-oder” arbeiten.
        Um damit auf Deine erste Frage zu kommen (jetzt werde ich wieder kabbalistisch): Wenn man unter Gott das “reine ununterschiede Sein” (AIN SOPH) versteht, so ist er natürlich keine Person und man braucht daher auch nicht zu ihm zu beten etc. Wenn das Sein aber in die Existenz tritt (existere=heraustreten) kann es auch einen Gott geben, der in unserem Sinne existiert, und der kann natürlich personal sein – sowohl, als auch. (ok, keine Ahnung, ob das verstänlich war).

        Mit Nahtoderfahrungen habe ich mich auch schon befasst und ich halte das für ein ganz heißes Thema, das ich auch für meinen Blog vorgesehen habe (weiß allerding noch nicht wann). Es wird von Seiten der etablierten Wissenschaften immer so getan, als ob alles, was damit zu tun hat, grundsätzlich unseriös wäre. Aber das ist m. E. nicht (mehr) so. Für mich ist das Spannende dabei nicht so sehr, was die Leute, die eine NTE erlebt haben, erzählen, sondern mehr, dass bewusstes Erleben unabhängig von einem funktionierenden Gehirn möglich zu sein scheint.

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  2. Danke, Axel! Bin mit allem einverstanden, was Du schreibst!
    Die Unterscheidung von AIN SOPH und der Gottes-“Natur” (muss ich unbedingt in Gänsefüßchen setzen), die aus dem Heraustreten resultiert, hast Du verständlich beschrieben, finde ich.
    Es ist gerade diese Dualität, die mir gewisse theologisch-philosophische Probleme wie bspw. die Theodizee akzeptierbar machen, ohne Gott gänzlich verwerfen zu müssen.
    … Der lautstarke Gottes-Hass, wie er bspw. von Richard Dawkins kultiviert wird, bezieht seine Kraft ja primär aus einem fundamentalistich-archaischen Gottes-Bild.

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