Mythos “Sündenfall”

Die erschaffene Welt wird im biblischen Schöpfungsbericht als “sehr gut” präsentiert: das ist nur möglich aus Sicht eines Schöpfungs-Mythos, der eine direkte Schöpfung ex-nihilo darstellt: die Erde wird vor Sonne und Mond erschaffen, eine schützende, bewahrende, Feste(!) wölbt sich über die Erde, der Tod existiert nicht, der Mensch wird direkt aus Gottes Hand erschaffen—als ein reines, schuldloses Geschöpf.

Neuzeitliche bibeltreue Gläubige, so sie zumindest einigermaßen naturwissenschaftlich gebildet sind, müssen überall interpretierend wirksam werden, um ihr religiöses Weltbild nicht aufgeben zu müssen; sie übersehen dabei aber geflissentlich, dass die biblischen Schöpfungs-Texte nicht so geschrieben worden wären, wären sie nur “symbolisch” gemeint gewesen—nein, deren Autoren haben das natürlich buchstäblich so geglaubt! Der Mensch in der Schöpfungsgeschichte ist zwangsläufig als ein reines und vollkommenes Geschöpf erschaffen worden: nur dann nämlich kann der Mensch später schuldig gesprochen werden für die Misere seines eigenen elenden Daseins und für die Misere der ganzen Welt (die “gefallene Schöpfung”).
Der vollkommene, schuldlos erschaffene Mensch ist aber nicht kompatibel mit dem tatsächlichen Menschen, der nun mal von Tieren abstammt! … Mit dem ganzen Ballast, den die Evolution der menschlichen Psyche mitgegeben hat! Wollen wir die Psyche des Menschen verstehen, müssen wir auch die Psyche von Schimpansen oder Bonobos, unserer nächsten Verwandten im Tierreich, studieren, und zwar berücksichtigend, wie gewalttätig und grausam Schimpansen sein können. Kam nun “die Sünde” in die Welt durch einen Akt des Ungehorsams “des ersten Menschen” oder ist “Sünde” nicht vielmehr in der Evolution angelegt?
“Der Sündenfall” ist deshalb ein Mythos, der nicht zufällig im Schöpfungsmythos eingebettet ist—nur da passt er überhaupt hin, nur da macht er Sinn! Kann es also überhaupt je in der Weltgeschichte einen “Sündenfall” gegeben haben, da er doch losgelöst von einer buchstabentreuen Lesart des Schöpfungs-Mythos(!) gar keinen Sinn macht?

… Heißt das jetzt, dass ein Verzicht auf einen historisch tatsächlich geschehenen Sündenfall bedeutet, dass der Mensch autonom funktioniert, dass alles gut ist mit ihm, dass er nie “Schuld auf sich lädt”, nie schuldig wird an anderen Menschen und sogar an sich selber? Nein, natürlich nicht! Und wenn ein Mensch nicht gerade jung, schön, reich, gesund und quietschvergnügt ist, wird der Mensch, auf sich selber zurückgeworfen, plötzlich sein Dasein als ein defizitäres erleben (wenn auch biologisch dem Tierreich entstammend, so ist er psychologisch eben doch kein Tier mehr) und sich vielleicht sogar nach “Gott” ausstrecken, der allein ihn aus seinem defizitären Dasein erlösen kann. (Es scheint mir durchaus Probleme und Situationen zu geben, die wohl nur noch ein “Gott” bzw. ein Gottesbezug entwirren kann.)
Auch die literarische Ausformung Jesu als einer Erlöserfigur macht durchaus Sinn, wenn man den Ballast bedenkt, der notwendig mit unserer Menschwerdung einhergegangen sein muss; wenn wir aber das Sterben des “Gottessohnes” darin begründen wollen, dass nur dieser Tod den “zürnenden Schöpfergott” beschwichtigen kann, und wir buchstäblich(!) der Höllenstrafe anheimfallen, sollten wir jenes Sterben nicht korrekt würdigen, glauben, theologisch einwandfrei und “amtlich geprüft” verstanden haben, dann kurieren wir fragwürdigerweise die Schmerzen, die wir an einem Mythos zu ertragen haben, mit einer behaupteten “historisch objektiven Wahrheit” und warnen damit entgegen jeder Vernunft vor dem Zorn des “Schöpfergottes”. Denn wollen wir Letzteres tun, sind wir konsequenterweise gezwungen, den Menschen in seinem Sein und Wesen nur so verstehen zu können, wie das Kreationisten tun, die an eine buchstäblich inspirierte Bibel glauben, die eine sechstausend Jahre alte Erde verkündet.

… Wollen wir nicht unser Denken befreien, unsere Gehirnwindungen durchlüften lassen und verstehen, dass wir heute mehr vom Menschen und seiner Welt verstanden haben als die Altvorderen, die seit 2000 Jahren nichts mehr Neues beizutragen haben zum Gottes-, Menschen- und Weltverständnis? Oder wollen wir stehenbleiben? Ist der Mensch in seiner Geschichte je ungestraft stehengeblieben? Mir scheint, der Mensch muss zwar als defizitäres Wesen verstanden werden, das einen Gottesbezug sucht und vielleicht objektiv nötig hat, aber nichts und niemand ist schuld an der defizitären Natur des Menschen: in der Menschheitsgeschichte hat es nie einen “Sündenfall” gegeben; wir leiden wohl an unserem defizitären Wesen und genau dieses Leiden hat die Sündenfall- und die Erlösungs-Idee hervorgebracht, keineswegs aber hat sich einer unserer Vorfahren oder wir an einem Schöpfergott versündigt!

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One thought on “Mythos “Sündenfall”

  1. Ein anspruchsvoller Text zu einem riesen Thema!
    Ich persönlich mag die Geschichte vom Sündenfall sehr, weil darin, nach meinem Verständnis, bildhaft-mythologisch, das Rätsel der Existenz dargestellt ist. Ich bin da stark von dem beeinflusst, was Thorwald Dethlefsen über diesen Text gesagt hat.
    Natürlich hat der Sündenfall (zumindest in dieser, uns zugänglichen, materiellen Welt) so nie stattgefunden. Das ist bei einem mythologische Verständnis aber überhaupt kein Manko. In mythologischen Texten können (im besten Fall) Zusammenhänge dargestellt sein, die über das logisch fassbare hinausgehen. Beim Sündenfall ist das m. E. deutlich mehr, als die Erklärung für den defizitären Menschen. Den könnte man vielleicht tatsächlich mit der Evolution erklären, die ja bekanntlich Erstaunliches, aber eben nichts Perfektes hervorbringt.
    Nein, ich denke, es geht hier um mehr. Der Sündenfall ist eng mit dem Baum der Erkenntnis verbunden, weshalb es m. E. nicht um “Sünde” oder “Schuld” im unserem heutigen Sinne geht, sondern um eben diese Erkenntnis. Denn diese, so schreibt Dethlefesen sinngemäß, ist an die Trennung von Subjekt und Objekt, von hell und dunkel, von gut und böse gebunden. Nur im Kontrast lässt sich etwas erkennen, wer in Sonne lebt, kennt den Unterschied zwischen hell und dunkel nicht. Im Paradies gab es diese Trennung eben nicht und deshalb auch keine Erkenntnis – weshalb Adam und Eva dort auch nicht erkannten, dass sie nackt waren. Und die Vertreibung aus dem Paradies ist dann auch keine Bestrafung oder “Sühne” für einen zürnenden Gott, sondern Schlicht der unausweichliche Preis für die Erkenntnis, die im Paradies ohne Polarität einfach nicht möglich war.

    Ich weiß nicht, ob das jetzt halbwegs verständlich war. Aber seit ich den Text des Sündenfalls so verstehe, ist er für mich einer der spannendsten Texte überhaupt.

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